Armando- Neues aus 2011
Armando
wurde 1929 in Amsterdam geboren, als er fünf Jahre alt war,
zog die Familie nach Amersfort. Der Ort, an dem die
Nationalsozialisten Deutschlands erst ein Durchgangslager, dann ein
Konzentrationslager errichteten, hat Leben und Werk des Malers,
Dichters und Schriftstellers, des Musikers Armando geprägt.
Niemand kann darüber genauer Auskunft geben, als er selbst.
Dazu nachfolgend die 1987 von ihm anlässlich der Verleihung des
Gouden Ganzeveer Preises ( Kulturverband des Königlich
Niederländischen Journalistenverbands) gehaltene Rede.
Schönheit
Ich möchte einige
Worte zu meinem unsicheren Umgang mit der Schönheit sagen, oder
vielmehr damit, was als „Schönheit des Bösen“
bekannt ist.
Wenn ich vom „Bösen“
spreche, beziehe ich mich auf das, was die Menschheit aus
Bequemlichkeit das Böse nennt. Ich habe diesen Begriff
übernommen, weil mich die Erfahrung lehrte, dass das Böse
existiert. Nicht nur die Erfahrung, auch der Spiegel lehrte mich das.
Ich habe tatsächlich von Zeit zu Zeit einen Blick
hineingeworfen. Ich bin dem, was ich sehe, nicht besonders gewachsen.
Menschen sprechen oft zu
Recht oder Unrecht- beides ist hier nicht relevant- in einem heiliger
als der Papst Gehabe über diejenigen, die sich völlig
freiwillig dem Feind des Tages unterworfen haben. Gut, aber was
halten Sie von den Bäumen, Tannen, Fichten, die sich
vorbehaltlos jedwedem Feind, der herbei kommt, gefügt haben und
immer noch fügen? Seheh Sie sich die Bilder des Feindes in
Aktion an: da sind sie, die Bäume, sie stehen im Hintergrund und
lachen. Nicht nur die Tannen und Fichten, alle anderen Bäume
ebenso. Sollte man darüber nicht etwas sagen? Ich denke schon,
denn sie stehen immer noch da, Bäume, am Rande des Waldes und
der bösen Waldung, genau an dem Platz von damals, man sollte
glauben, sie seien fortgegangen, sie stehen da als gleichgültige
Zeugen. Ich sehe sie an, sehe über sie hinweg und dann geschieht
etwas, das mich krank macht: sie sind wunderschön, ich finde sie
wunderschön.
Ich habe es oft genug
gesagt und kann es nicht oft genug wiederholen: Schönheit ist
verdächtig, Schönheit ist nicht die Bohne wertvoll,
Schönheit ist alles egal, Schönheit stellt sich einem immer
in den Weg.
Zum Beispiel: Mir liegt
ein bestimmter Platz am Herzen, an dem mehrere Straßen
zusammenstoßen. In der Woche ist hier wenig Verkehr. Büsche
wachsen unter den Bäumen. Die Luft summt und riecht süß.
Oberflächlich sieht die Straße verträumt aus. Ein
unzugängliches Landhaus. Pferd und Reiter. Jemand auf dem
Fahrrad, Heidekraut auf dem Gepäckträger. Ein wahres Idyll.
Inzwischen hat der Platz
eine andere Form angenommen. Dieselben Büsche, dieselben Bäume.
Es ist immer noch still, aber etwas ist falsch. Hier wurde eine Tat
ausgefochten, eine Tat. Kälte. Leere. Opfer. Düstere
Straßen voller Abfall. Überbleibsel der Macht.
Ein und derselbe Platz,
aber in der Erinnerung ist die Szene von brutaler Gewalt fast noch
schöner, als das Idyll. Das reicht, um wahnsinnig zu werden.
Denn die Schönheit
hat sich hier niedergelassen, hat vom Platz Besitz ergriffen, damals
hat diese Schönheit sich mir gezeigt, enthüllt.
Es ist die Schönheit
des Bösen, Schönheit im Schoße des Bösen, die
beim Erwachen des Bösen nach einem Platz sucht, um sich zu
zeigen, obwohl mir das nichts nützt.
Diese Schönheit
zwingt mich, das „Böse“ in die schuldlose, da
amoralische Domäne der Kunst aufzunehmen. Jetzt ist das Böse
nicht mehr das Böse, es ist Kunst. Das mag unverdient sein, ist
aber wahr. Das unschöne Schöne, das Furchtbar- Schöne
wird Kunst, es entsteht das Erhabene, wie ich hoffe, das Erhabene als
künstlerische Bändigung des Entsetzlichen.
An diese Schönheit
habe ich mein Herz verloren. Mein Leben habe ich dieser Schönheit
gewidmet. Sie hat mich in ihrer Gewalt. Es gibt keinen Zwiefel: ich
diene ihr.
Man sollte sich das nicht
als ungetrübte Freude vorstellen. Deshalb suche ich von Zeit zu
Zeit Zuflucht, Ruhe. Das braucht man, um nicht vor seiner Zeit zu
sterben. Wenn ich Tag und Nacht, Wochen und Monate lang in
schicksalshafte Bemühungen verstrickt bin, um die Fantasien von
Mensch und Natur in einem Kunstwerk zu beruhigen, kann ich, wenn das
Werk vollendet ist, nur noch im hektischen Durchblättern eines
Buches voller Farbabbildungen Ruhe finden, sagen wir, mit Gemälden
von Bonnard.
Maler wie Bonnard nahmen
keinen Anstoß am Bösen in der Schöpfung, sie
ignoroerten die Schönheit des Bösen, sie ließen es
zu, dass es an ihnen vorbeiging, richteten ihren Blick ohne müde
zu werden auf die Schönheit des Alltäglichen, Schönheit
auf Armes Länge, die den Schritt zum Kunstwerk kürzer
macht. Nicht einfacher, nur kürzer. Nationen gingen wütend
in die Schlacht, diese Menschen blieben möglichst zu Hause und
malten eine Frau im Sessel. Oder sie malten gegen einen wolkenlosen
Himmel gerichtete Blumen.
Es gab eine Zeit, da fand
ich solche Maler widerlich, aber es sieht so aus, als habe ich meine
Meinung geändert. Heute denke ich, sie hatten vollkommen recht,
ich bewundere und beneide sie, denn ich kann nicht tun, was sie tun,
dazu bin ich nicht arglos genug.
Was ich sagen will: lasst
mich sein, wie ich bin. Darin kann kein Übel liegen.
(
Originaltext Holländisch)
1929 geboren in Amsterdam
seit 1996 Mitglied der
Akademie der Künste, Berlin
1998 Armando Museum in
Amersfoort
lebt und arbeitet in
Potsdam und Amersfoort
Skulpturen im öffentlichen Raum
1990 Fahne –
Concertgebouw Amsterdam
1992 Das Rad –
Rosmalen
1994 de Ladder –
Amersfoort
1995 Der Baum –
Groningen
2000 Das Rad – ABN
Amro, Amstelveen
Die Hand –
Prive, Arnhem
2011 Gestalt –
Caldic Collectie, Wassenaar
Arbeiten in öffentlichen und privaten
Sammlungen
Berlinische Galerie,
Berlin
Bonnefantenmuseum
Maastricht
Bouwfonds Nederlandse
Gemeenten, Hoevelaken
Centraal Museum Utrecht
Collection Sanders,
Amsterdam
Collection Kramarsky, New
York
Collection Lauder, New
York
Dordrechts Museum
European Investment Bank,
Luxembourg
Frans Hals Museum,
Haarlem
Gemäldegalerie Neue
Meister, Dresden
Hara Museum of Modern
Art, Tokyo
Hess Collection, Napa,
California
IBM Stuttgart
Ludwig Museum Budapest
Kunsthalle Kiel
Kupferstichkabinett
BerlinischeKoninklijke Bibliothee, Den Haag
Museum Boymans –
van Beuningen, Rotterdam
Museum Jan Cunen, Oss
Museum Moderner Kunst,
Wien
Museum of Modern Art, New
York
Neue Galerie Kassel
Neues Museum Weserburg,
Bremen
Neue Nationalgalerie
Berlin
Staatsgalerie Stuttgart
Städtische
Kunsthalle Mannheim
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