Es ist August 1961 und es herrscht politischer Ausnahmezustand.Dort , wo vor einigen Wochen noch gesagt wurde: „Niemad hat vor, eine Mauer zu bauen“, zieht sich, sozusagen über Nacht – ein Stacheldrahtzaun durch Berlin und die SBZ.
Ein Band aus Beton, Mörtel, Stahl und Draht, später auch mit Selbstschussanlagen und Schäferhunden..Das alte West-Berlin ist umzingelt von einer Kilometer langen Mauer – abgetrennt von seinem historischen Kern. Eine Metropole ist 14 Jahre nach Kriegsende abermals zersplittert. Ein Tanz auf dem Vulkan; denn die Welt befürchtet den Ausbruch eines erneuten Weltkrieges. Es kommt für 27 Jahre der Kalte Krieg.
Über die Jahre wird die westliche Seite der Mauer zu einem bunt illustrierten Wandgemälde – Gemeinschaftsarbeit von professionellen Künstlern und Laien. Unterbrochen von Warnschildern „You are leaving the ...“.Der östliche Teil war neben den Grenzsoldaten nur wenigen Bewohnern der damaligen DDR zugänglich. Im eigenen Land – ohne im Regelfall jemals in den Westen reisen zu können - nur mit Grenzpassierschein.
Geschichten sind ein flüchtiges Material – sie entstehen, werden vergessen und entstehen neu, falls man sich erinnern möchte. Gerade haben wir eine Renaissance der Geschichten und manche hören sich für die nächste Generation wie James Bond Filme an – Flucht über die Grenze mit Ballon, Bus oder unter der Erde durch einen Tunnel, über die Ostsee, 1989 dann mit Hilfe von Bundesdeutschen Botschaften oder geöffneten österreichischen und ungarischen Grenzzäunen. In Berlin Bahnhof Friedrichstrasse der Tränenpalastes, in dem täglich jede Mitternacht wirklich Tränen vergossen wurden aus Wut, Hilflosigkeit und Kummer.
Trotz aller Verbote, Gebote und Repressalien war es jedoch kein in sich abgeschlossenes Leben in den jeweiligen deutschen Landen, sondern durch die Medien, Musik, Kunst und die Ständige Vertretung auch immer grenzüberschreitend. Man hatte sich voneinander ein Bild gemacht, dass nach Maueröffnung der Prüfung in beide Richtungen nicht standhielt. Das Bild war entschieden anders als die Realität. Kreuzberg ist ohne Mauer eigentlich nicht mehr das Kreuzberg, was wir mal meinten - (...so isses, sagt Herr Lehrmann).
Es gehört zu den Absurditäten dieses Bauwerks, dass es heute zu großen Teilen ein Naturschutzgebiet ist, da sich hier von Nord nach Süd entlang der deutsch-deutschen Grenze ganz ungestört eine unberührte Flora und Fauna entwickeln konnte – fernab aller Politik.
Das damalige Berliner Grenzbrachland Potsdamer Platz mit Schwebebahn, Polenmarkt und Wagenburg ist heute neben Mitte und Charlottenburg der moderne Mittelpunkt einer wieder vereinten Stadt.
Hier entstand 1972 das Werk „Jäger und Gejagter“ von K.H.Hödicke, im Atelier Dessauer Straße, direkt am Potsdamer Platz. Der Standort des Ateliers schreckt Hödicke nicht ab, er regt ihn vielmehr zu täglichen Auseinandersetzungen mit der politischen Situation Deutschlands an. Hödicke ist bis heute sowohl im künstlerischen Werk, als auch im Gespräch einer der scharfsinnigsten Bebachter des politischen Geschehens. So wie er vom Atelierfenster über die Mauer hinwegblicken kann, ist auch seine Sicht zweiseitig. Dabei stellt sich auch Ratlosigkeit ein: Jäger und Gejagter, aber welche Seite verkörpert wen, ist das Geschehen nicht je nach Sichtweise austauschbar?
Der Niederländer Armando, durch Kindheitserlebnisse in der Nähe eines Konzentrationslagers in Amersfort geprägt und stets auf der Suche, das Vergangene zu verstehen, kommt in den 70er Jahren nach Berlin. Er ist Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Dichter und Mitglied einer Band, sein erstes Geld verdient er sich in Berlin mit journalistschen Beiträgen für niederländische Zeitungen. Spuren des vergangenen Unglücks und der Verbrechen findet er hier überall, seine schriftstellerische und bildliche Auseinandersetzung mit der Schönheit des Bösen findet in den Bildern der Stadt ein beklemmendes Echo. Er wird der Berliner Maler der Metamorphosen einer Stadt, seine Werke lassen hinter dem neu Entstehenden stets das alte Grauen lauern.
Manfred Hamm hat noch im Sommer 1989 eine Serie von Photos am Potsdamer Platz zu Rainer Fettings Skulptur „Drehung“ gemacht. Jahrzehntelang erforscht er die Mauerlandschaft nach Motiven, die abseits des täglichen Geschehens stattfinden, in menschenleerem Raum. Er kannte jeden Winkel an der Mauer, so dass es heute Spaß macht, dass er damals als Standort die Stelle wählte, an der „Erich, rück den Schlüssel raus“ an der Mauer stand. Hamm, der in seinem umfangreichen Werk soviel Wert auf Architektur legt, nimmt in den Mauerbildern für sich die Gelegenheit wahr, gegen seine ästhetischen Gesichtspunkte zu verstoßen. Damit drückt er das große Unbehagen aus, dass das Mauerwerk auf den Menschen ausübte, der hohle Machtanspruch wird ebenso deutlich, wie der menschenverachtende Umgang durch ein Bauwerk, dass diesen Namen nicht verdient.
Von Dresden aus entwickelt Hubertus Giebe nachdenklich und mit distanziertem Blick Bilder vom Treiben der Machthabenden und deren Auswirkungen auf die deutsche Geschichte. Trotz aller Brüche in den Bildern ist es kaum denkbar, ein bedrohlicheres Szenario zu entwerfen, als er es in seinen Mauerbildern tut. In den vielen Versatzstücken dieser Werke wird die zerstörerische Kraft brutaler Macht sichbar und körperlich spürbar. Giebe läßt nichts im Ungewissen: jeder ist betroffen, alles ist vergiftet und über das Geschehen hat sich wie ein grauer Schleier das Gefühl der Ohnmacht gelegt. Dieses Gefühl lässt den Menschen nie wieder los, was für Giebe allerdings kein Grund zur Resignation ist, eher kann es als klarsichtige Warnung verstanden werden. Geht man so an seine Werke heran, kann man sich die vergangene Zeit vor Augen führen und man erfährt auch von ihm einen der Gründe, warum es so gekommen ist: „Hitler und Stalin“. Hitler lässt Giebe in diesem Gemälde als triebgetriebenen Menschen das Böse schlechthin verkörpern, Stalin ist ihm als Fratze zur Seite gestellt, als der abstrakte Ideengeber des hitlerschen Bösen. Dass über beide langsam die Zeit hinweggeht, kann man dem Bild mit einer gewissen Erleichterung entnehmen, aber die Warnung bleibt im Hintergrund greifbar, wie vernichtend und menschenverachtend das Böse herrschen kann.
Martin Sewcz Selbstportrait Checkpoint Charlie entstand 1988 in der Leipziger Straße, Ecke Jerusalemer Straße. Er ist nicht der einzige, de sich vorstellt, wie es sein könne, wenn man durch den Fußgängertunnel hindurchginge und im Westen am Springerhaus wieder heraus kommt. Es entsteht eine Anreihung aufeinander folgender Fotos, die zusammen mit der Filmperforation auf einem Blatt Fotopapier vergrößert wie überdimensionale Kontaktstreifen wirken. Sewcz Kunstgriff, sich in die Photos mit einzubeziehen, indem er mit der Kamera auf sich selbst zielt, erweckt die Illusion, er sei in das politische Geschehen mit einbezogen. So verfährt er auch in der Sequenz der Staatskarossen anläßlich des RGW- Gipfeltreffens in Berlin (Ost). Diese Karossenprozession steht für die Machthabenden, unter denen sich auch Gorbatschow befindet. „ Das Volk“ schaute hinter Absperrung auf die Staatskarossen von der Spandauer Straße aus. Ein Ort in Grenznähe symbolisiert in beiden Fotosequenzen dasselbe Gefühl: von der Freiheit zu träumen, von ihr abgesperrt zu verharren.
Timo Stammberger hat in Russland einen Raketenstützpunkt fotografiert, der, wie die Mauer, eingerissen wurde. Mauerreste einer hochtechnologischen Vernichtungsanlage, die nie zum Einsatz kam, über die oberflächlich Gras wächst, während in fünf der sieben unterirdischen Geschosse Wasser eingedrungen ist. Der Krater der Anlage hätte Raketen aufgenommen, die hier ihren tödlichen Lauf begonnen hätten. Allein die Größe des Areals, die Betonmassen lassen großes Unheil verspüren, gleichzeitig ist die Zeit über alles hinweg gegangen und das Gelände dient allenfalls noch als Touristenattraktion. Stammberger holt mit der fotografierten Betonwüste die Gefahr in unser Bewusstsein zurück, der gesprengte Stützpunkt ist Folge der Entspannungspolitik zwischen unseren Ländern. Dass der Umgang zwischen Völkern noch vor kurzem in unserer Region ganz andere Formen hatte, bleibt in Erinnerung. Die Lehre aus der Betonwüste kann man heute leicht ziehen: die Überwindung des kalten Krieges ist ein zivilisatorischer Gewinn.
Kunstwerke sind stellvertretend Zeitzeugen und zeigen menschliche Schicksale aus unterschiedlichster Sicht und Lage. In diesem Fall helfen sie, sich das große Drama des kalten Krieges aus ganz individueller Sicht vorzustellen. Der Blick Hödickes über die Mauer hinweg und der Irrsinn, wenn Menschen Menschen jagen und gejagt werden; der Blick des Holländers Armando, in dessen kollektivem Gedächtnis Konzentrationslager und Naturverwüstung sich ebenso eingebrannt haben, wie gleichzeitig die Erkenntnis Platz griff, dass Berlin seinem Leben die Möglichkeit gab, die eigenen Erfahrungen zu überwinden, um das Schöne im Bösen in das Erhabenen zu verwandeln; der Dresdner Giebe, der sich in der Tschechoslowakei Bücher kauft, um sich mit den Kunsthteorien der Neuzeit auseinanderszusetzen, der am parteipolitischen Establishment ebenso leidet, wie am Mangel an Traditionsbewußtsein der Dresdener, die doch über Jahrhunderte hinweg eine so große geistes- und kulturgeschichtliche Treffsicherheit gezeigt haben; die Hilflosigkeit des großen Architekturfotografen Manfred Hamms angesichts einer Schande der Architektur, der Mauer; Sewzc, als doppelter Grenzgänger, der sich zunächst den Qualen der Ausbürgerung unterzieht, um dann in den Strudel der Wiedervereinigung zu geraten; und schließlich Stammberger, der Nachgeborene, Vertreter einer Generation, der wie man an den Bildern sieht:- zu Unrecht- nachgesagt wird, die Geschichte interessiere sie nicht mehr.
Es sind die einzelnen Werke, die auf unterschiedliche Weise Schicksale sichtbar machen, Leid, Trauma, Bedrohung und Zerstörung der menschlichen Existenz kann man niemals überwinden. Aber es ist tröstlich, sich vor einem Kunstwerk wiederzufinden, das von schwierigen Zeiten Zeugnis ablegt, während es gleichzeitig auch das Glück im Betrachter hervorruft, das unser Leben in einer freien, zivilisierten und befriedeten Gesellschaft ausmacht.